Aktion gegen Antisemitismus: Frankfurt trägt Kippa

Am 14.05.2018 veröffentlicht

Mit dem Aufruf, als Zeichen der Solidarität einen Tag lang die Kippa zu tragen, will die Stadt Frankfurt an diesem Montag ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Während die einen die Aktion loben, äußern andere Bedenken.

Mancher religiöse Jude versteckt seine Kippa auf deutschen Straßen lieber unter einer Baseballkappe. Auf vielen Fußballplätzen und Schulhöfen wird "Jude" als Schimpfwort genutzt. Mit der Aktion "Frankfurt trägt Kippa" soll für mehr Toleranz und Offenheit gegenüber dem Judentum geworben werden. Auch Nicht-Juden sollen als Symbol die Kippa, die religiöse Kopfbedeckung männlicher Juden, tragen.

Volker Bouffier: Antisemitismus als Angriff auf die Grundlagen unserer Demokratie

Die Hemmschwelle für antisemitische Äußerungen oder Taten sei gesunken, sagte der Regierungschef am Montag am Rand einer auswärtigen Kabinettssitzung bei der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Die schwarz-grüne Landesregierung hatte den Termin ganz bewusst auf den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels gelegt: "Zu unserer Staatsraison gehört das Existenzrecht Israels", betonte Bouffier. Gleichzeitig solle ein deutliches Signal für die Zukunft der jüdischen Gemeinden in Hessen gesetzt werden: "Ich will keine Verhältnisse wie in Frankreich, wo jüdische Gemeinden ihren Mitgliedern raten, Frankreich zu verlassen", so der Ministerpräsident. 

Beleidigungen haben zugenommen

Alon Meyer, Präsident des Sportvereins Makkabi in Frankfurt, glaubt an die verbindende Kraft des Fußballs. Er sagt aber auch: "In den vergangenen 15 bis 18 Monaten ist es erheblich aggressiver und hemmungsloser auf deutschen Sportplätzen geworden." Neu seien Angriffe auf die "Judenteams" nicht - Meyer, der selbst seit seiner Kindheit bei Makkabi in verschiedenen Mannschaften spielte, hat das selbst oft genug erlebt. "Jetzt sind es nicht mehr rechte Glatzenträger, sondern Gegner aus den anderen Teams mit muslimischem Hintergrund." 

Hessischer Beauftragter für Antisemitismus

Aufgrund der steigenden Zahl von Angriffen auf Menschen jüdischen Glaubens, plant das Land Hessen die Ernennung eines Antisemitismus-Beauftragten. Auch die Kippa-Aktion ist für Meyer ein wichtiger Schritt: "Ich finde, das ist ein Zeichen, das mitten aus der Gesellschaft kommt und insofern sehr richtig und gut ist, um eine gewisse Solidarität zum Ausdruck zu bringen", betont er. "Für Betroffene ist das ein Zeichen, dass sie nicht alleine sind. Jede Minderheit, die angegriffen wird, braucht diese Zeichen der Solidarität", sagt auch Meron Mendel, der Direktor der Anne Frank-Bildungsstätte in Frankfurt. 

Direktorin des jüdischen Museums äußert Bedenken

"Das Tragen der Kippa an diesem Tag [dem 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels] bedeutet nicht ausschließlich, sich mit Jüdinnen und Juden in Deutschland zu solidarisieren, sondern ist zugleich auch eine Solidaritätsbekundung mit Israel", sagt Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt. Eben diese führe immer wieder zu Ausgrenzungen von Juden in Deutschland. Sie würden für die israelische Politik in Haftung genommen und eben nicht als deutsche Staatsbürger angesprochen und wahrgenommen, so Wenzel.
Das solidarisch gemeinte Kippa-Tragen werde zudem der Vielfalt jüdischen Lebens nicht gerecht, da viele Jüdinnen und Juden säkular lebten und jüdische Tradition höchstens im Familienkreis pflegten. Außerhalb von Friedhof oder Synagoge dagegen trügen nur wenige die Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung religiöser jüdischer Männer.

Vermehrte Angriffe und Vandalismus

Im vergangenen Jahr ist laut hessischer Kriminalstatistik durchschnittlich einmal in der Woche eine antisemitische Straftat zur Anzeige gebracht worden. Insgesamt wurden 59 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verzeichnet. In den vergangenen zwei Jahren sei es auch wiederholt zu Fällen von Vandalismus gegen das Museum gekommen - über die Motive der Täter könne allerdings nur spekuliert werden. In einem Fall sei ein Museumsmitarbeiter, der ein Präventionsprojekt gegen Antisemitismus organisiert, vor laufender Kamera als "Scheißjude" beschimpft worden

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