Ein Jahr nach Gleisattacke: Frankfurt gedenkt des getöteten Achtjährigen

Am 29.07.2020 veröffentlicht

Heute jährt sich ein schreckliches Ereignis am Frankfurter Hauptbahnhof:
Am Morgen des 29. Juli 2019 stehen aufgrund der Ferienzeit besonders viele Reisende und warten am Gleis 7 auf den ICE nach München. Auch ein Achtjähriger aus dem Hochtaunuskreis will gemeinsam mit seiner Mutter in den Urlaub aufbrechen. Doch dann spielen sich plötzlich grauenhafte Szenen ab.

Ein Mann stößt Mutter und Sohn vor den einfahrenden ICE. Der Junge wird vom Zug überrollt und stirbt noch im Gleisbett. Die Frau kann sich gerade noch zur Seite rollen und überlebt knapp. Der Angreifer soll auch noch versucht haben, eine 78-Jährige vor den Zug zu stoßen. Sie fällt auf den Bahnsteig und wird verletzt. Die Polizei fasst wenig später den Tatverdächtigen: einen dreifachen Familienvater aus Eritrea, der zuletzt in der Schweiz gelebt hatte.

Große Anteilnahme in ganz Deutschland

In Frankfurt saß der Schock tief. Es gab eine Trauerandacht am Bahnhof. Viele Menschen legten wochenlang Blumen, Kerzen, Plüschtiere und Briefe am Gleis nieder. Der tragische Fall sorgte aber auch in ganz Deutschland für Aufsehen. Bei einer Spendenkampagne im Internet sammelten Unterstützer 115 000 Euro für die Angehörigen.

Sie seien "tief berührt" gewesen von der Anteilnahme, den Briefen und Spenden zahlreicher fremder Menschen, ließ die Familie jetzt über ihren Anwalt Ulrich Warncke mitteilen. Unzufrieden seien sie jedoch mit den Ermittlungen, etwa mit der Zusammenarbeit zwischen den deutschen und den schweizerischen Behörden.

Familie noch immer in psychologischer Behandlung

Die Eltern und die Schwester des Jungen sind demnach weiterhin in psychologischer Betreuung. "Seit dem tragischen Verlust unseres kleinen Sohns und Bruders geht es uns nicht gut, in den vergangenen Monaten stand einzig die Erinnerung und Trauer um unseren kleinen Leo im Vordergrund", erklärte die Familie. Sein früher Tod sei "der schwerste Schicksalsschlag, dessen Schmerz uns das ganze Leben begleiten wird".

Prozess gegen mutmaßlichen Täter startet nach den Sommerferien

Der Jahrestag und die anstehende Hauptverhandlung seien besonders schwer zu ertragen, hieß es. Der Prozess gegen den Tatverdächtigen beginnt am 19. August vor dem Frankfurter Landgericht. Die Schwurgerichtskammer muss über den Antrag der Staatsanwaltschaft entscheiden, den 41-Jährigen dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen. Die Anklage legt ihm Totschlag, versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen zur Last. Das Gericht erklärte, auch Mord sowie versuchter Mord in zwei Fällen kämen infrage, "sofern die Beweisaufnahme ergeben sollte, dass der Beschuldigte unter bewusster Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer (Heimtücke) gehandelt hat".

Polizei und Technik sollen tragische Unfälle verhindern

"Möglicherweise hätte eine bessere Überwachung des Bahnhofes den Tod des Jungen verhindert", erklärte Anwalt Warncke. Die Familie kritisiert den Stand bei der Umsetzung weiterer Sicherheitsmaßnahmen. "Schreckliche Taten wie diese sowie tragische Unfälle dürfen in Zukunft nicht mehr geschehen und hingenommen werden." Polizeipräsenz und Anzahl der Videokameras am Frankfurter Hauptbahnhof wurden inzwischen erhöht. 

Am Frankfurter Hauptbahnhof ist derweil wieder der normale Betrieb eingezogen. Pendler eilen über die Bahnsteige, Urlauber kaufen sich Proviant für die Reise und Obdachlose fragen nach ein paar Cent Unterstützung. All die Blumen, Briefe, Kuscheltiere und Kerzen waren nach mehreren Wochen abgeräumt worden. An Gleis 7 erinnert heute nichts mehr an das schreckliche Geschehen. Doch das soll sich bald ändern. Nach Angaben des Anwalts und der Bahn soll es schon bald ein Symbol des Gedenkens für den kleinen Jungen geben.

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