Lübcke-Prozess: Stephan Ernst gesteht tödlichen Schuss auf Walter Lübcke

Am 05.08.2020 veröffentlicht

Zwei unterschiedliche Geständnisse hat der mutmaßliche Mörder von Kassels Regierungspräsident schon abgegeben. Heute gestand Stephan Ernst, den Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke umgebracht zu haben, direkt vor Gericht. Seiner Aussage nach habe er den tödlichen Schuss im Juni 2019 abgefeuert. Vor Ort sei er gemeinsam mit seinem Komplizen Markus H. gewesen. Im Gerichtssaal bat er unter Tränen bei den Angehörigen um Verzeihung.

Stephan Ernst hatte zuvor bereits in zwei Vernehmungen unterschiedliche Angaben zur Tat gemacht. Sein Ex-Verteidiger, dem die Pflichtverteidigung in der vergangenen Woche entzogen wurde, hatte ausführliche Aussagen angekündigt. Ob es dabei bleibt, ist unklar. Ernst soll den CDU-Politiker 2019 aus rechtsextremistischen Motiven erschossen haben. Er muss sich seit Juni vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt verantworten. Der zweite Angeklagte, Markus H., wird der Beihilfe beschuldigt. Der Prozess findet unter hohen Sicherheitsmaßnahmen statt. Wegen der Corona-Pandemie wurde zudem die Zahl der Besucher und Prozessbeobachter begrenzt.

Ernsts schwere Kindheit wird thematisiert

Stephan Ernsts Verteidiger schilderte in der heutigen Verhandlung die schweren Umstände, unter denen der Angeklagte aufgewachsen sein soll. Ernsts Vater habe demnach ein schweres Alkoholproblem gehabt und soll gegenüber ihm und der Mutter immer wieder gewaltätig gewesen sein. Schon als Kind habe Stephan Ernst seinem Vater oft Alkohol kaufen müssen, aus Angst vor seinem Vater sei er im Alter von zwölf Jahren regelmäßig mit einem Messer zu Bett gegangen. Auch Suizidgedanken soll er schon im jungen Alter gehabt haben.

Ernsts Vater soll ihn verprügelt haben, weil er zu Grundschulzeiten einen türkischen Freund hatte. "Warum spielst du mit dem Kanaken?", soll er gesagt und anschließend auf ihn eingeschlagen haben. Auch Ernsts Mutter wurde offenbar häufig Opfer der Gewalttaten des Vaters. Angeblich, weil sie mit anderen Männern flirtete.

Entpflichteter Verteidiger soll Ernst zu falschem Geständnis animiert haben

Der entpflichtete Verteidiger Frank Hannig wird von Stephan Ernst belastet, ihn zur falsch Aussage animiert zu haben. In seinem zweiten Geständnis behauptete Ernst, dass sein Komplize Marcus H. den tödlichen Schuss abgefeuert hatte. Zudem forderte die Verteidigerin von Marcus H. eine psychologische Begutachtung, ob Stephan E. überhaupt aussagefähig ist. Sie bezieht sich auf psychologische Störungen in der Jugend von Ernst in der Kindheit.

Schilderungen von Ernst sind widersprüchlich

Zuerst legte er vor Kriminalpolizisten ein ausführliches Geständnis ab. Darin berichtete er, wie er immer wieder allein zum Grundstück Lübckes gefahren war, den er in der Mitverantwortung für die Aufnahme von Flüchtlingen im Regierungsbezirk Kassel und für islamistische Anschläge sah. Im Juni 2019 habe er dann Lübcke vor dem Wohnhaus des Politikers erschossen. Dieses Geständnis hat Ernst widerrufen. Stattdessen schilderte er, wie er mit H. zu Lübckes Wohnhaus fuhr. Sie hätten den Politiker nur einschüchtern und bedrohen wollen. Der Schuss habe sich dann versehentlich gelöst, als H. die Waffe gehalten habe. Beide Geständnisse von Ernst sind in der Verhandlung bereits als Video gezeigt worden.

Ex-Verteidiger legt Beschwerden ein

Ernsts früherer Pflichtverteidiger, Frank Hannig, der noch die Aussage seines Mandanten für diesen Mittwoch angekündigt hatte, legte inzwischen Beschwerde gegen seine Abberufung ein. Das OLG Frankfurt leitete diese dem Bundesgerichtshof (BGH) zu. Ernsts anderer Pflichtverteidiger, der Kölner Anwalt Mustafa Kaplan, hatte die Abberufung damit begründet, dass das Vertrauensverhältnis seines Mandanten zu dem Anwalt dauerhaft zerstört sei.

dpa
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