Vier Monate nach Hanau-Terror: So geht es den Angehörigen der Opfer heute

Am 19.06.2020 veröffentlicht

Überschattet durch die Ereignisse in der Corona-Pandemie wirkt es so, als wäre es schon ewig her – dabei liegt der Terroranschlag in Hanau gerade einmal vier Monate zurück. Umso wichtiger ist es, dass die grausame Tat nicht in Vergessenheit gerät.

Aus diesem Grund haben sich Freunde und Angehörige der Opfer am Freitag um 18.45 Uhr zu einer Mahnwache auf dem Hanauer Marktplatz versammelt, auch um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Unser Reporter Benjamin Holler hat mit dem Vater eines Opfers, einem Freund vieler der Getöteten und einem Opferhelfer gesprochen. Seine Eindrücke hat er im Videobericht zusammengefasst.

Filip Goman hat bei dem Anschlag seine Tochter verloren: Mercedes Kierpacz wurde erschossen, als sie sich eine Pizza in der Arena-Bar am Kurt-Schumacher-Platz bestellen wollte. Sie hinterlässt zwei Kinder. Die beiden noch minderjährigen Geschwister leben nun getrennt bei ihren zwei Omas, denn in ihrer Wohnung in Sichtweite zum Tatort wollen sie nicht bleiben. „Sie können doch die Kinder nicht jeden Tag dort vorbeigehen lassen“, sagt Filip Goman. Von der Stadt fordert er Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Wohnung. Zwar werde ihr Hilfe versprochen, doch es tue sich nichts. Weder konnte eine neue Wohnung vermittelt werden, noch habe man ihn unterstützt, schimpft Goman: „In den vier Monaten hätte ich schneller eine neue Wohnung gebaut!“

Mittlerweile wurde der Familie von Mercedes die Soforthilfe ausgezahlt, die der Staat Opfer-Angehörigen gibt. Die Bürokratie hatte Goman überfordert: Anträge, Konten, Papierkram. „Ich habe das Geld genommen und in die Beerdigung gesteckt. Das Geld ist weg“, erklärt Goman. Mercedes Kierpacz wurde in Offenbach in einem offenen Sarg beigesetzt. Auf seine Tochter ist er stolz. Daher sollte sie jeder sehen und sich von ihr verabschieden können. Die Soforthilfe gebe keine Sicherheit für die Zukunft. „Ein kleiner Unternehmer kann wegen Corona mit dem Finger schnippen und bekommt 10.000 Euro, und bei uns muss erst jemand sterben, dann bekommt man 15.000“, kritisiert der Vater.

Vier Monate nach dem Anschlag sind bei Filip Goman jedoch die Akkus leer. Er hat viele Kilo abgenommen. Seine Wut über den Anschlag wich einer Wut über die schleppende Unterstützung. „Ich habe nichts mehr“, sagt er verzweifelt. Trost könne ihm seine Frau spenden, doch sie sitzt derzeit eine Haftstrafe in Frankfurt-Preungesheim ab. Einmal am Tag telefonieren sie, hin und wieder kann er sie besuchen. Dann berichte sie, wie sie von Gefängnis-Mitarbeitern diskriminiert werde. „Das ist so bei uns Roma, weil wir bisschen eine andere Hautfarbe haben und anders aussehen“, sagt Goman. Der Rassismus sei noch tief in Deutschland verankert, und größer als zuvor. Filip Goman lebt viele Jahrzehnte in Deutschland. Er ist aus Polen gekommen und sagt: „Mein Herz hier ist gebrochen, wir haben doch nichts getan. Aber ich werde dann wohl weggehen müssen.“

 

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