Trauerfeier für Walter Lübcke: "Ein Mann voller Tatkraft"

Am 13.06.2019 veröffentlicht

Regierungspräsident Walter Lübcke wurde nachgesagt, das Herz auf der Zunge zu tragen. Er habe die Region Nordhessen wie kein anderer verkörpert, sagen viele. In einer bewegenden Trauerfeier nehmen Wegbegleiter, Freunde und Angehörige Abschied.

In der Kasseler Martinskirche haben am Donnerstag hunderte Trauergäste Abschied genommen. Neben seiner Familie kamen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der Region Nordhessen. "Ein Mann voller Tatkraft und Ausstrahlung, er lebt nicht mehr", sagte Martin Hein, Bischof von Kurhessen-Waldeck zu Beginn der Trauerstunde, "Er wurde umgebracht von Menschenhand. Was uns verbindet ist eine tiefe Trauer, aber auch das Unverständnis und der Zorn über diese Tat."

Parteifreund und Ministerpräsident Volker Bouffier betonte, dass Lübcke sein Leben immer mit Humor und einer Portion Gelassenheit gestaltete: "Trotz des immer hektischweren Politikbetriebs, hat er sich stets das Menschliche bewahrt. Ihm war die Pflege der Geselligkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen wichtiger, als die Anzahl der Likes in irgendeinem Netzwerk."

Walter Lübckes Ehefrau Irmgard, die beiden Söhne und Schwiegertöchter haben rote Rosen auf den Sarg gelegt. Sohn Christian beschrieb in einer bewegenden Rede den Familienmenschen: "Deine Enkel wirst Du nicht, wie uns, zur Schule fahren und nicht unser Leibgericht für sie kochen. Doch wir werden Deinen Enkeln von ihrem Opa immer wieder erzählen, sowie Bilder und Videos zeigen, damit sie erfahren, was für ein toller Opa Du warst."

Im Video zeigen unsere Reporter Lea Wagner und Benjamin Holler die bewegenden Eindrücke dieser Trauerstunde.

Chronologie im Fall Lübcke

  • Am Samstagabend, 1. Juni sind Walter Lübcke und seine Frau Babysitter für den einjährigen Enkelsohn. Nach hr-Angaben ist auch die Schwiegertochter dabei. Nachbarn berichten, dass Lübcke Besuch habe. Sie halten sich an diesem lauen Abend auf der Terrasse auf. Nachdem sich gegen 23 Uhr der Gast verabschiedet, gehen die Frauen ins Bett. Lübcke raucht auf der Terrasse noch eine Zigarette. Die Welt am Sonntag berichtet, dass ein Mädchen gegen 23.30 Uhr den Regierungspräsidenten noch auf der Terrasse gesehen habe. Gegenüber seines Hauses feiern derweil rund 1000 Gäste auf der "Weizenkirmes". Auch Lübckes Sohn ist dort.
  • Kurz nach Mitternacht, am Sonntag, 2. Juni kommt der Sohn von der Kirmes zurück. Auf der Terrasse findet er seinen schwerverletzten Vater. Er ruft einen Freund, der beim ASB Rettungssanitäter ist und ebenfalls auf der Kirmes war. Nach HNA-Recherchen hat er vor rund zwei Jahren von Lübcke ein Haus gekauft. Die Zeitung berichtet weiter, dass der Freund Blutspuren verwischt. Die Frage nach dem Warum ist Teil der Ermittlungen. Erst im Krankenhaus in Wolfhagen wird nach RTL-Informationen die Schusswunde entdeckt. Walter Lübcke stirbt um 2:35 Uhr.
  • Das Landeskriminalamt hat die Ermittlungen übernommen. Am Montag, 3. Juni bestätigt LKA-Präsidentin Sabine Thurau auf einer Pressekonferenz in Kassel, dass Lübcke mit einer Kurzwaffe "aus nächster Nähe erschossen wurde". Die Soko "Liemecke" wird mit zunächst 20 Ermittlern eingerichtet, später auf 50 Personen aufgestockt. In sozialen Medien tauchen erste Hasskommentare auf. Aus rechtsextremen Kreisen, aber auch von AfD-Vertretern ist teils offene Freude über den Tod Lübckes zu lesen.
  • Am Dienstag, 4. Juni feiern Vertreter aus Politik und Wirtschaft auf dem Hessenfest in Berlin. Gastgeber Volker Bouffier erinnert in einer Ansprache an Walter Lübcke: "Er war den Menschen zugewandt. Freud und Leid gehört zusammen. Wir müssen nun hinkriegen, an ihn zu denken, ihn zu würdigen, und trotzdem zu feiern."
  • Am Mittwoch, 5. Juni wird der Fall in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" thematisiert. Bis zum Wochenende gehen 200 Hinweise ein.
  • Am Samstag, 8. Juni gibt es einen SEK-Einsatz auf einer Nordseefähre in Harlesiel (Niedersachsen). Die Beamten nehmen dort den Ersthelfer fest, der mit seinen Eltern auf Wangerooge Urlaub machen will. Laut Bild-Zeitung bestand die Sorge, dass der Mann die Tatwaffe bei sich habe und in die Nordsee werfen wolle. Der Mann wird in das Prolizeipräsidium nach Kassel gebracht und dort befragt.
  • In der Nacht zum Sonntag, 9. Juni wird der Mann aus dem Gewahrsam entlassen. Die Befragung habe keine Anhaltspunkte ergeben, die eine Tatbeteiligung stützten, teilen Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt mit.

Die Polizei bittet Zeugen weiter um Hinweise.

Die ermittelnde Sonderkommission "Liemecke" im Polizeipräsidium Kassel sammelt auch Videos oder Fotos, die am Tatabend auf der benachbarten Kirmes in Wolfhagen-Istha entstanden sind. So erhoffen sie sich, den Abend detailliert zu rekonstruieren. Telefon: 0561 / 910 4444 und wolfhagen@polizei-hinweise.de

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