Prozess um drei tote Kinder: Bürgermeister weist Schuld von sich

Am 09.01.2020 veröffentlicht

Drei Geschwister sterben 2016 in einem Teich im nordhessischen Neukirchen. Ist der Bürgermeister Klemens Olbrich schuld an ihrem Tod? Darüber verhandelt jetzt das Amtsgericht Schwalmstadt. Laut Staatsanwaltschaft habe Olbrich als Verantwortlicher für Sicherungsmaßnahmen versäumt, den Teich abzusichern und einzuzäunen. Ihm wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Mehrfach betont Bürgermeister Klemens Olbrich, wie traurig er über das Unglück sei. Er spricht den Eltern sein tiefstes Mitgefühl uaus. Sie zu sehen, belaste ihn sehr. "Ich habe selbst drei Kinder. Diese Tragödie werde ich nie vergessen. Der 18. Juni wird mir nie wieder aus dem Kopf gehen", sagt Olbrich vor Gericht.

Bruder (11) entdeckte das Unglück

Der Vater der drei ertrunkenen Kinder bricht in Tränen aus, als er seinen Tagesablauf an jenem Tag schildert. Er war Einkaufen, als er von der Tragödie erfährt. Am Abend des 18. Juni 2016 hatte der elfjährige Sohn der Familie seine drei Geschwister gesucht, wollte sie nach Hause holen. Als er seinen bewusstlosen Bruder im Teich entdeckte, rannte er zu den Nachbarn, die dann die Rettungskräfte alarmierten.

Wenige Minuten später holten die Anwohner den Fünfjährigen aus dem Teich, konnten ihn aber nicht mehr retten. Die beiden anderen Geschwister wurden zunächst noch als vermisst gemeldet. Taucher durchsuchten das Areal und fanden das achtjährige Mädchen und ihren neun Jahre alten Bruder – konnten sie aber nur noch tot bergen.

Vor Gericht sagen die Eltern aus, dass sie den Teich nie wirklich registriert haben, obwohl er nur etwa 250 Meter von ihrem Haus entfernt sei. Ihre Kinder hätten sonst immer im Vorgarten gespielten, nie aber weiter weg.

Schuldfrage ist seit vier Jahren ungeklärt

Laut Staatsanwaltschaft habe der Bürgermeister versäumt, den Löschteich als potenzielle Gefahrenquelle abzusichern und einzuzäunen. Es soll Olbrich bekannt gewesen sein, dass der Bereich rund um den Teich als Freizeit- und Spielfläche genutzt worden sei.

Im Prozess muss geklärt werden, um was für eine Art von Teich es sich handelt. Olbrich spricht von einem "Fisch- oder Freizeitteich"; sein Verteidiger Karl-Christian Schelzke nennt es einen "Badeteich" und für die Staatsanwaltschaft ist es ein "Löschwasserrückhalteteich". Für Letzteres gibt es klare Vorschriften: Sie enthalten die Bestimmung, dass er von einem 1,25 Meter hohen Zaun umgeben sein muss – diese Auflage hätte Olbrich erfüllen müssen.

Das sagte uns Olbrich kurz vor seinem Prozess

RTL hat vorab mit Bürgermeister Klemens Olbrich gesprochen. Er weist sämtliche Schuld von sich. "Ich habe ein bisschen Unverständnis, dass ich bei diesem Unglück eine derart wichtige Rolle spielen soll", so der Rathaus-Chef. Außerdem habe niemand eine solche Sicherungsmaßnahme gefordert. "Das war nie Thema – weder Feuerwehr, noch Ortsbeirat, noch Stadtverordnete, noch Magistrat haben jemals den Ruf in die Welt gesetzt", erklärt er uns im Interview.

Urteil könnte Präzedenzfall werden

Das Urteil im Prozess um den Teich im Ortsteil Seigertshausen könnte zu einem Präzedenzfall werden. Bürgermeister anderer Gemeinden sind besorgt. "Gewässer stellen immer eine latente Lebensgefahr dar und deswegen schauen viele darauf. Viele haben angerufen – aus dem Schwarzwald, aus Brandenburg, aus Schleswig-Holstein", sagt Olbrich. Es muss geklärt werden, wie Gewässer zu klassifizieren sind und ob Bürgermeister in Unglücksfällen persönlich haften müssen.

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