Zwischen Autoscooter und Losbude: Pfarrer auf dem Jahrmarkt

Am 14.05.2018 veröffentlicht

Zu jedem Gottesdienst gehört eine Orgel. Bei Pfarrer Volker Drewes ist es eben die Drehorgel - und die spielt der 65-Jährige nicht in der Kirche, sondern auf dem Rummelplatz. Am Montag hat er auf dem Frühlingsfest in Kassel eine neue Attraktion gesegnet.

Volker Drewes hat einen außergewöhnlichen Job: Er ist seit 36 Jahren Schausteller-Pfarrer und auf dem Rummelplatz zuhause. "Mir macht es besonders Spaß, mit diesen Menschen zusammen zu sein, auch mit ihnen rumzureisen und vor allem den engen Kontakt mit den Reisenden zu pflegen", verrät uns der 65-Jährige im Interview.

Wichtiger Teil der Schaustellergemeinde

Für die Schausteller ist der Beistand durch einen Mann Gottes sehr wichtig. Familie Nier hätte ihre neue Attraktion, das Kaleidoskop, ohne Volker Drewes geistlichen Beistand nicht eröffnet. Um auf Nummer sicher zu gehen, werden am Ende des Gottesdienstes sogar noch sogenannte Masselpfennige, eine Art Glücks-Cent, verschenkt. Schausteller Bernd Nier: "Uns macht es glücklich, wenn unser Volker unsere Geschäfte einweiht und uns den Segen Gottes gibt. Es ist eine Tradition von uns und die möchten wir nicht missen." Nach fast vier Jahrzehnten als Seelsorger für die Schausteller gehört Volker Drewes zur großen Familie dazu. Ein großes Kompliment, denn Reisende schließen eher selten Freundschaften mit Außenstehenden.

Konfirmation im Autoscooter

Die Aufgaben auf dem Rummelplatz unterscheiden sich nicht groß von denen in einer Kirche - von der Taufe bis zur Beerdigung ist alles dabei. Allerdings reist Volker Drewes seiner Schausteller-Gemeinde hinterher, beispielsweise um Gottesdienste abzuhalten. Und er arbeitet unkonventioneller als seine Kollegen. Zum Beispiel bei der heutigen Konfirmation in Kassel: "Reisende Menschen feiern ihre Gottesdienste an den Orten, an denen sie leben. Also haben wir den Gottesdienst auf dem Autoscooter gefeiert, weil das eben eine größere Kirche ist. Wir haben sonst ja auch keine Kirche auf einem Festplatz. Es wäre schon etwas schwierig geworden, in einer Bratwurstbude einen Gottesdienst zu machen. Deswegen suchen wir immer einen entsprechend großen Raum. In diesem Fall war es jetzt der Autoscooter." Ob Berg- und Talbahn, Zirkus- oder Puppenspielerzelt: Wo ein Wille ist, da ist für Volker Drewes auch ein (göttlicher) Weg.

Pfarrer aus Leidenschaft

Volker Drewes ist offiziell schon pensioniert. Das hält ihn aber nicht davon ab, ehrenamtlich rund 10.000 Kilometer im Jahr durch Hessen und Niedersachsen zu fahren, um für seine Schäfchen aus der Schausteller-Gemeinde da zu sein. Bestimmt auch, weil er als Pfarrer jedes gesegnete Geschäft auch ausprobieren muss. Obwohl "muss" nicht unbedingt zutrifft: Er liebt den Rummel, vor allem aber interessieren ihn die Menschen und deren Geschichten. Und für die wird der 65-Jähirge auch in den nächsten Jahren da sein.

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