Nach Wallraff-Doku: Sozialminister und Klinik ziehen Konsequenzen

Am 28.03.2019 veröffentlicht

Die "Team Wallraff"-Reportage "Hinter geschlossenen Türen - undercover in Psychiatrie und Jugendhilfe" hat für viel Aufsehen gesorgt. Besonders die beunruhigenden Aufnahmen aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Frankfurt Höchst beschäftigen die Hessen. Am Donnerstag haben sich das Klinikum, die Stadt Frankfurt und das Sozialministerium bei einer Pressekonferenz in Wiesbaden erstmals gemeinsam dazu geäußert.

Überfordertes Personal, Patienten, die zur Strafe auf dem Flur schlafen müssen und Medikamente, die ohne Einwilligung verabreicht werden - die Reporter von "Team Wallraff - Reporter undercover" sind bei ihren Recherchen in deutschen Psychiatrien auf schockierende Zustände gestoßen. Das hessische Sozialministerium, dessen Fachaufsicht die Kliniken kontrolliert, fordert umgehend eine Aufklärung der Vorwürfe. Nachdem die Reportage bereits Thema im Sozialausschuss im Landtag war, haben Dr. Dorothea Dreizehnter, Geschäftsführerin des Klinikums Frankfurt Höchst, Sozialminister Kai Klose und Gesundheitsdezernent der Stadt Frankfurt, Stefan Majer, eine gemeinsame Pressekonferenz abgehalten.

Klinik will rückhaltlose Aufklärung

Dr. Dorothea Dreizehnter, Geschäftsführerin des Klinikums Frankfurt Höchst, zeigte sich betroffen von den Bildern der Wallraff-Doku. Sie forderte Respekt für das Klinikpersonal, welches einen anstrengenden Job ausübe. Die Doku zeichne ein verkürzestes Bild der und diskreditiere die Arbeit der Angestellten. Die Reportage sei eine Chance und man nehme die Vorwürfe sehr ernst. Man analysiere die Sachverhalte und sorge eine rückhaltlose Aufklärung. Kurzfrisitg wolle man die Unterbringung der Patienten verbessern, da die Räumlichkeiten des Klinkums nicht mehr ausreichen würden, Dreizehnter. Das Zeil als Klinik sei es, die Versorgung der Patienten auf hohem Niveau sicherzustellen. Man wolle dazu beitragen, der Öffentlichkeit ein realistisches Bild von Psychiatrie zu vermitteln; dazu gehöre auch die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und die Anforderungen, die an die Mitarbeiter der Klinik gestellt werden.

Kai Klose: "Es war wichtig, dass die Zustände aufgedeckt wurden"

Sozialminister Kai Klose betonte, dass es Sache einer Fachaufsicht sei, die Defizite auf der psychiatrischen Station zu bewerten. In den vergangenen Tagen nach Ausstrahlung der Reportage habe man über die möglichen Konsequenzen gesprochen, der Aufklärungsprozess sei aber noch lange nicht abgeschlossen. Die erste und sofortige Maßnahme war laut Klose ein Besuch der Fachaufsicht im Klinikum und "intensiven Gesprächen" mit der Stadt Frankfurt und der Klinikleitung. "Wir klären das auf, prüfen gründlich, fordern und ziehen bereits erste Konsequenzen", sagte der Minister. Außerdem wurden Akten angefordert, da sich das Sozialministerium insbesondere über die Fixierungen, die auf der Station in Höchst durchgeführt wurden, informieren möchte. Ziel sei es, die Verbesserung der Versorgung zu gewährleisten, weshalb ein externer Berater, Dr. Hans-Joachim Kirschenbauer, vom Ministerium engagiert wurde.

Gesundheitsdezernent Stefan Majer: Dialog statt Elfenbeinturm

Ein zentraler Punkt der Beratung ist nach Ansicht des Gesundheitsdezernenten der Stadt Frankfurt, Stefan Majer, "dass sich Land, Stadt und Klinikum auf ein transparentes Verfahren verständigt haben. Das Ergebnis wird nicht im Elfenbeinturm entstehen, sondern im Dialog mit Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Psychiatrie sowie weiteren Fachkreisen entwickelt werden."

FDP und SPD: Ausklärungsarbeit war mangelhaft

Sozialdemokraten und Liberale im Landtag kritisierten die bisherige Aufklärungsarbeit der Aufsichtsbehörden. Es sei unverständlich, dass das Sozialministerium "eineinhalb Jahre lang nicht in der Lage gewesen sei, die gesetzlich vorgeschriebene Besuchskommission einzusetzen und erst jetzt - durch den massiven Druck der Öffentlichkeit - plötzlich unbürokratische Lösungen" finde, sagte Daniela Sommer, die Gesundheitspolitische Sprecherin der SPD. "Der Skandal besteht darin, dass keines der Probleme von heute auf morgen entstanden ist, sondern schon lange vor sich hin schwelte", formulierte FDP-Amtskollege Yanki Pürsün.

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